Wer stadtwandert, der tut nicht nur etwas für Körper und Geist, sondern auch für die Umwelt und für’s Portemonnaie!

Man kann halt auch nicht mehr machen, als man machen kann.

wir-schicken-wen:

Hier mal was für alle, denen Küchenpsychologie noch etwas zu unspekulativ ist. Der Autor hat diesen Artikel übrigens geschrieben, weil er sich von seinen Kollegen gegängelt fühlte. Nachher wurde er von seinem Redaktionsleiter betreut. 

(Besten Dank an Herr Breigelb)

(Von wir-schicken-wen gerebloggt)

Die Reportahsche

Einmal hiess alles, was da kreucht und fleucht «nervös», dann «fin de siècle», dann «Übermensch», dann hatten sie es mit den «Hemmungen» und heute haben sie es mit der Reportahsche, als welches Wort man immer so schreiben sollte. Lieber Egon Erwin Kisch, was haben Sie da angerichtet! Sie sind wenigstens ein Reporter und ein sehr guter dazu – aber was nennt sich heute nur alles «Reportage». Es ist völlig lächerlich.

Es gibt von allen Arten.

Es gibt «soziale Reportagen» und einer trägt eine «Reportage» vor, und Paul Fechter, der Klopf-Fechter der Deutschen Allgemeinen macht «Versuche einer Rollen-Reportage», die denn auch so ausgefallen sind, dass man sich verwundert fragt, wie einer das schreiben kann, ohne dabei einzuschlafen. Dafür tuts denn der Leser. Und dann gibt es «Reportagen-Romane», und das sind die allerschlimmsten.

Der richtige Reportage-Roman ist im Präsens geschrieben und so lang wie ein mittelkräftiger Bandwurm. Der avancierendede Reporter nimmt sich ein Milljöh vor, und das bearbeitet er. Das kann man nun endlos variieren, aber es ist immer dasselbe Buch. Nicht die Spur einer Vertiefung, nichts, was man nicht schon wüsste, bevor man das Buch angeblättert hat, keine Bewegung, keine Farbe – nichts. Aber Reportage. Was einen höchst mässigen Essay abgäbe, das gibt noch lange keinen Roman. Wie überhaupt bei uns jede kleine Geschichte gern «Roman» genannt wird – die Kerle sind ja grössenwahnsinnig. «Krieg und Frieden» ist ein Roman. Das da sind keine.

Sie kommen sich so wirklichkeitsnah vor, die Affen – und dabei haben sie nichts reportiert, wenn sie nach Hause kommen. Nur ein paar Notizen, die sie auswalzen. Reportahsche… Reportahsche…

Auf dieses Wort gibt es einen Reim: deshalb schreibe ich es so.

Vor dem Kriege hat einmal die Kaffee-Firma Tengelmann ein Preisausschreiben in die Zeitungen gesetzt; sie wollte ein kurzes Gedicht für ihre Reklamen haben: die Firma sollte darin genannt sein, die Vorzüglichkeit ihrer Produkte, ihre Tee- und Kaffeeplantagen und das alles in gefälliger, gereimter Form.

Der grosse Schauspieler Victor Arnold gewann zwar den Preis nicht – aber er hatte einen der schönsten Verse gefunden. Und der hiess so:

Mein lieber guter Tengelmann!
Was geht denn mich dein Kaffee an
und deine Teeplantage –
Ach…!

Na, dann reportiert man.

- Kurt Tucholsky -

Nebenbei: «Bei einem Dichter klauen ist Diebstahl, bei vielen Dichtern klauen ist Recherche.» - Walter Moers -

«Am Schluss ist es sowieso so simpel wie anspruchsvoll: Kunst ist Geschmackssache.»

Künstlerinnenportrait von Gabriella Hohendahl, erschienen im Coucou n°18.

Mein Sommer mit Kalaschnikow - Eine kleine Rezension

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Rezension, die: 1. kritische Besprechung eines Buches, einer künstlerischen Darbietung, wissenschaftlichen Arbeit o.Ä.* / 2. berichtigende Durchsicht eines alten, oft mehrfach überlieferten Textes

Rezession, die: Verminderung der wirtschaftlichen Wachstumsgeschwindigkeit, leichter Rückgang der Konjunktur

*Goethe rief übrigens einst aus:

Da hatt ich einen Kerl zu Gast,
Der war mir eben nicht zur Last;
Ich hatt just mein gewöhnlich Essen,
Hat sich der Kerl plumpsatt gefressen,
Zum Nachttisch, was ich gespeichert hatt.
Und kaum ist mir der Kerl so satt,
Tut ihn der Teufel zum Nachbar führen,
Über mein Essen zu räsonieren:
«Die Supp hätt können gewürzter sein,
Der Braten brauner, firner der Wein.»
Der Tausendsackerment!
Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.

Don’t push the red button!

Oder: Muster sind Glückssache - Auf dem letzten Weg nach @FridayInVenice und die Insel Lavapolis.

Eine literarische Hochzeitsreise

Es ist ein Freitagabend im Oktober 2013, die Temperaturen sind milde, der Bahnhof ist ruhig und ein blaues Haus blinzelt zwischen den Bäumen hervor. Wir sind in Gunzenhausen, wo schon die Römer frech geworden. In und um Gunzenhausen verläuft der Obergermanisch-Raetische Limes, ein rund 500 Kilometer langer Abschnitt der Aussenmauer des römischen Reiches. Übrigens ist Gunzenhausen die einzige Stadt in Bundesland Bayern, durch die der Limes direkt führt. Er erstreckt sich von Rheinbrohl / Bad Hönningen am Rhein bis zum Kastell Eining an der Donau. Seit 2005 ist der Raetische Limes nicht nur Bodendenkmal, sondern auch Unesco-Weltkulturerbe.


(Danke, Google Maps)

Die Römer sind nun aber schon lange fort und wir also angekommen. Dass wir hier und nicht in Gunzendorf gelandet sind, haben wir der gefeierten Ehefrau und fürsorglichen Mutter zu verdanken, die sozusagen im letzten Moment warnte: «Moment mal, warum hast du ein Billett nach Gunzendorf gelöst? Unser Hotel ist doch in Gunzenhausen!» Woraufhin sich Sohnemann von der erstaunlichen Kulanz der SBB überraschen lassen konnte. Denn die buchte das Billett auch noch ganz kurzfristig um, ohne Murren und ohne Aufpreis; ganz im Gegenteil, es gab sogar Geld zurück.

Von Rittern und anderen Ganoven

Wir sind also ganz zufrieden damit, nicht im Fünfhundertseelendorf in der Gemeinde Buttenheim gelandet zu sein, sondern eben hier in der Stadt Gunzenhausen mit ihren 16’000 Einwohnern; hier, wo im Spätmittelalter, also im 14. Jahrhundert, Raubritter Eppelein von Gailingen, auch Eckelein Geyling, sein Unwesen trieb. Der fränkische Ritter vom Rittergeschlecht der Geylinge besass kleinere Lehen vom fränkischen Hochadel, nämlich der Grafen von Hohenlohe, die Eppelein schätzte und in deren Lehen er gern stand. Ritter Eppelein kämpfte in den 1370er-Jahren gar mit seinem Lehnsherren an einer Seite. Über und in der Stadt Nürnberg herrschte damals das Haus Hohenzollern, heute eine der bedeutendsten deutschen Dynastien, damals ein aufstrebendes Adelsgeschlecht, Patrizier und – das war wohl eines der grössten Übel – aus schwäbischem Stammlande. Kein Wunder lag Ritter Eppelein mit der Stadt und deren hohenzollerischen Burggrafen in Fehde.

Die Geylinge waren von den Naturalabgaben der Bauern abhängig und wenn es schlechte Ernte gab, dann litten sie mit dem Volke Hunger, derweil das Haus der Hohenzollern in der Stadt prunkvolle Bälle und ausgelassene Feste feierte.

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In den 1360er-Jahren begann Ritter Eppelein mit seinen Überfällen auf Handelsfuhrwerke auf den Wegen um Nürnberg. 1369 wurde die Reichsacht über ihn verhängt, eine Ächtung, die Ritter Eppelein sämtliche Rechte nahm und ihn vogelfrei machte. Das heisst: Jeder konnte (und sollte) ihn ohne Strafe töten. Ritter Eppelein aber war ein gewitzter Geselle, liess sich so leicht nicht fassen und tanzte den Hohenzollerschen Burggrafen weiter auf der eitel in die Luft gereckten Nase herum. 1375 hatte Kaiser Karl IV. seine Nase allerdings voll und ordnete die Zerstörung des Schlosses Wald zu Gunzenhausen, dessen Mitbesitzer Ritter Eppelein war, und die Konfiszierung des Geylingschen Besitzes an. Ritter Eppelein aber überfiel unbeeindruckt weitere Kaufleute, bis die Stadt Nürnberg Söldner ausschickte, die den Ritter endlich fassen mochten. Das gelang ihnen schliesslich im Örtchen Postbauer, etwa 60 Kilometer von Gunzenhausen entfernt. 1381 wurde Ritter Eppelein mitsamt zweier Neffen und weiteren Helfern gehängt.

Ein unerwarteter Auftakt

Kaum haben wir uns am Bahnhof umgesehen und die Tabakbeutel aus den Taschen gekramt, fährt auch schon das Auto des Bruders vor und wir werden abgeholt. Natürlich von dem Paar, das sich diese Tage feiern und verwöhnen lassen soll. Unser «wir hätten auch laufen können» wird mit herzlicher Umarmung und fröhlicher Begrüssung weggewischt und schon sitzen wir im Auto – und in einem kleinen Stau.

Genug Zeit für die Frage: «Warum seid ihr nicht mit dem eigenen Auto unterwegs?» Gekicher und Gemurre erklingt gleichzeitig und während der Verkehr langsam wieder ins Rollen kommt, erzählt man uns, dass man zu Hause kaum losgefahren sei, da habe das väterliche Auto Mätzchen gemacht. Zurück in die heimische Garage habe es gerade noch so gereicht. «Und so sind wir mit deinem Bruder und seiner Freundin mitgefahren», richtet die Mutter sich mit Schulterblick an den Sohn.

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Wir grinsen und ich denke an die Reportage, die der eigentliche Grund für unsere Zugreise ist. Im Zug arbeitet es sich nun mal besser als im Auto. Der Abgabetermin ist zwar noch weit entfernt, aber ich weiss aus Erfahrung: Plötzlich klingelt er mit Frau Prokrastination an der Tür und fordert seinen Tribut. Während ich meinen Gedanken nachhänge, fahren wir auf den Parkplatz des Hotels Adlerbräu, das uns für die nächsten Tage beherbergen wird.

Interessantes Interieur

Das Traditionshaus Adlerbräu ist seit 1868 in Familienbesitz, 1564 wurde es das erste Mal urkundlich erwähnt. Tatsächlich versprühen die alten Gemäuer einen Hauch rustikaler Romantik, die fränkischen Empfangsdamen in von Trachten inspirierten Uniformen tun ihr möglichstes dazu. Eine Eigenheit im Zimmer will dann so gar nicht zu dem urchigen Ambiente passen: Die Dusche mit Glasscheibe zum Bett. Allerdings, ist das Wasser heiss genug, beschlagen die Scheiben und sind so blickdicht wie ein Vorhang.

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Während wir uns eingerichtet haben, ist auch schon ein weiterer Teil der Familie eingetroffen: Neben Schwester mit dem ausgezeichnet kochenden Lebensgefährten, auch ihre beiden Söhne mit Opa, dem Brautvater. Die Begrüssung ist liebevoll, wird aber schnell von den Brüdern unterbrochen: «Wir habens eben so hierher geschafft. Schon in Dresden hat die Bude Töne gemacht.» ‹Bude?› überlege ich und kann mir nicht helfen, aber bei Bude denke ich an ein chaotisches Zimmer oder eine nachlässige Firma, aber nicht an ein Auto. Naja, sie haben ja auch ein eigenes Wort für das Übernachten unter freiem Himmel, boofen. Das habe ich letzten Sommer gelernt, als wir den achtzigsten Geburtstag von Opa gefeiert hatten. Ein rauschendes Fest an einem wunderbaren Ort, an dem man herrlich hätte boofen können.

Bevor ich meine Gedanken weiter wandern lasse, konzentriere ich mich wieder auf die Geschichte der Brüder, die erzählen, wie ihr Auto während der ganzen Reise Zicken gemacht hätte, die auf den letzten Kilometern vor Gunzenhausen dann doch besorgniserregend geworden wären. Die treue Bude aber hat es bis zum Parkplatz des Hotels geschafft und die drei sicher ankommen lassen, nun aber will sie keinen Streich mehr tun. Das macht aber auch nichts, denn im nahen Gasthaus Lehner Zum Storchennest sind Tische für uns reserviert. Schliesslich gibt es eine Silberhochzeit zu feiern: 25 Jahre Eheglück, auf dass es unzählige mehr sein mögen!

Storchennest 2.0

An diesem lauen Oktoberabend führt uns der Spazierganges ganz in die Nähe des Limes, so jedenfalls lassen die Info-Tafeln am Wegesrand vermuten. Zu sehen ist sie aber nicht, die Aussenmauer des römischen Reiches. Sie ist auch schon wieder vergessen, als sich ein hoher brauner Schornstein über die kleinen geduckten Häuser erhebt. Er raucht nicht, denn auf ihm sitzt wie ein ausgefranster Panamahut ein Storchennest. Ob tatsächlich Störche da oben brüten? Im Gasthof stellen wir fest: Das tun sie und sie haben sogar eine eigene Webcam. Die Bilder werden live übertragen.

Wir beobachten, wie draussen langsam die Sonne untergeht und die Dämmerung leise hereinbricht. Nur die weissen Köpfe von Meister Adebar und seiner Gefährtin sind noch auszumachen wenn sie sich bewegen. Während sich die Dunkelheit wie ein Mantel über die Welt da draussen legt, wird in der Welt hier drinnen für unser leibliches Wohl gesorgt. Dazu gehört auch eine ausgiebige, lehrreiche Bierdegustation. Das währschafte Mahl zuvor garantiert den Boden, selbst bei Vegetariern, die sich für eine unerwartet amtliche Portion Kässpätzle entschieden hatten.

Das Bier, das aus der Kälte kam

Neben der Verköstigung verschiedener Biersorten hat der Braumeister A.D. auch die eine oder andere unterhaltsam-aufschlussreiche Anekdote bereit. So erzählt er, dass Weissbier im Verkauf wesentlich teurer sei als beispielsweise ein Pils, aber nicht etwa, weil die Herstellung so viel teurer wäre. Oh nein, ganz im Gegenteil, die Herstellung von Weissbier sei sogar merklich günstiger, weil im Weissbier kein Hopfen drin ist und damit die teuerste Zutat fehle. Da Weissbier lange eine bayrische Eigenart gewesen sei, habe man sie irgendwann sozusagen als USP – als Alleinstellungsmerkmal und Verkaufsargument – entdeckt und marketingtechnisch (aus-)genutzt.

Wir erfahren auch, dass saures Bier für den Menschen nicht gefährlich ist, im schlimmsten Fall führt es zu Magenverstimmungen und Übelkeit, was zwar unangenehm, aber eben nicht lebensbedrohlich ist. «Die Organismen, die in Kohlensäure überleben können, sind für den Menschen nicht toxisch», erklärt der Braumeister A.D. und erbittet sich eine Rauchpause. In der fast klaren Nacht ist das Storchennest auf dem Schornstein gut zu sehen, nur dessen Bewohner sind nicht mehr zu entdecken.

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Ein Weltrekord beschliesst die Degustation, nämlich der Schorschbock 57, mit 57,5% Alkoholgehalt das stärkste Bier der Welt. Hergestellt wurde es 2011 in Gunzenhausen, und zwar mit der Eisbock-Methode. Dabei wird Bockbier tiefgekühlt – der Schorschbock 57 erreichte minus 60 Grad Celsius – dabei bilden sich Eiskristalle, die abgeschöpft werden. Was übrig bleibt ist ein hocharomatischer, konzentrierter Eisbock mit Spitzenalkoholgehalt. Vom Schorschbock 57 ist nur eine kleine Menge gebraut worden und schon 2013 ist es über die Brauerei nicht mehr zu erwerben – das Bier ist zum Sammlerstück geworden.

Eine Kostbarkeit also, die man uns in den kleinen Gläsern serviert, in denen man im hohen Norden den Kööm, also den Aquavit, aufgetischt bekommt.

Das Bier schmeckt denn auch mehr nach Cognac als nach Bier, was aber angesichts des bis zu zehnmal höheren Alkoholgehalts als üblich nicht verwundert.

Ein Schiff fährt aus

Am Morgen des nächsten Tages lacht die Sonne vom Himmel und die Stadt Gunzenhausen macht so gar nicht den Eindruck einer geschäftigen Stadt, selbst das Vogelgezwitscher wirkt noch ein bisschen verschlafen.

Nach einem reichhaltigen Frühstück am Buffet und einem Plauderstündchen mit Opa, der bereits im Restaurant sitzt, zu Hause sässe er um diese Uhrzeit schliesslich mit seinen Kumpels beim täglichen Plausch und einem Glas Bier, machen wir uns auf zum Stadtbummel. Mitkommen will Opa nicht, nur eine Sportzeitung, die muss noch her. Im Kiosk nebenan ist die schnell beschafft, Opa studiert den Fussballteil und wir machen uns auf.

«An manchen Orten nagt der Zahn der Zeit vergeblich. Wer weiss, vielleicht hat sie ihn hier sogar verloren», denke ich laut, als wir den Diebsturm, der eigentlich Färberturm heisst, erklimmen. Seit über 700 Jahren steht er hier. Er wurde um 1300 als Teil der der mittelalterlichen Stadtbefestigung erbaut, ist etwas über 30 Meter hoch und eröffnet einen herrlichen Panoramablick über die Stadt und die Umgebung.

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Während wir weiter durch die Stadt spazieren, will ich immer noch nicht so recht glauben, dass hier fast soviele Menschen leben sollen wie bei mir zu Hause. Wir haben zwar auch eine schmucke mittelalterliche Altstadt, der Stadtkern aber ist deutlich urbaner, will heissen deutlich unansehnlicher. Gunzenhausens Stadtbild hingegen ist geprägt von niedlichen Häuschen mit manchmal liebevoll eingerichteten Gärten, barocke Gebäude wechseln sich mit mittelalterlichen Anlagen ab und so etwas wie eine Shoppingmeile ist auch nicht auszumachen. Dafür wird ein Schiff durch die Stadt kutschiert.

Gegen 15 Uhr finden wir uns wieder im Hotel ein, der Apéro steht bereit. Die Familie ist versammelt, sämtliche Partnerinnen, Gatten, Kinder und Bekannte sind ebenfalls anwesend. Das Jubiliäumspaar wird gefeiert, Geschenke werden überreicht und Tränen der Freude und der Rührung zurückgehalten.

Die Stimmung ist feierlich als man sich zu Fuss auf den Weg zum Altmühlsee macht. Ob das Schiff auch auf dem Weg zum See war?

Seine Oberfläche glitzert, Insekten huschen hin und her, Enten quaken. Es ist ein wunderbarer Ort und ein herrlicher Nachmittag für einen Spaziergang. Die Gesellschaft hat sich in kleine Gruppen aufgeteilt, deren Zusammensetzung sich immer wieder ändert. Man plaudert hier, tauscht sich dort aus, gibt an dieser Stelle eine Anekdote zum besten und hört an anderer verständnisvoll zu. Es ist ein kurzweiliger Spaziergang.

Bald schon haben wir das Restaurant am Seeufer erreicht, in dem eine lange Tafel reserviert ist und eine Auswahl an verführerischen Tortenstücken bereitsteht. Als sich alle gesetzt haben und man sich an die Bestellung macht, fällt plötzlich auf, dass einer fehlt: Opa. Er dachte wohl, es sei zu weit zum Gehen und er könne sich unbemerkt zurückziehen. Doch weit gefehlt, denn der Enkel macht sich flugs auf den Rückweg und kehrt nur wenig später im Auto und mit Opa zurück.

Nach dem Essen ist vor dem Essen

Nach und nach löst sich die Gesellschaft am See auf, die einen bleiben noch ein bisschen, die anderen machen sich auf den Rückweg. Schliesslich steht am Abend das grosse Festessen an, dafür will man sich frisch gemacht haben.

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Der Speisesaal ist eigens für die Festgesellschaft reserviert, das Jubiliäumspaar sitzt in der Mitte des Tisches, beide strahlen sie miteinander um die Wette. An ihrer Seite sitzt ihr Vater, an seiner seine Eltern. Die sind übrigens direkt von einer Ferienreise nach Gunzenhausen gefahren. Es sei schon ein bisschen anstrengend gewesen, hatte sie mir zwischen den Gängen verraten, während ihr Mann nur schelmisch schmunzelte. Das wundert aber niemanden, immerhin sprechen wir von jenen, die kurzerhand ihr ausgedientes altes Auto zerkleinerten, von Hand, und natürlich ohne die Familie einzuweihen. Die erfuhr erst nach getaner Arbeit davon. Aber das ist eine andere Geschichte und soll an anderer Stelle erzählt werden…

Während das Essen serviert und genüsslich verspeist wird, wird geplaudert und gelacht, erinnert und erzählt, geblödelt und ernsthaft diskutiert. Hin und wieder wird eine Runde nachbestellt und die Cousins müssen sich die beiden einzigen Masskrüge teilen, die das Hotel zu bieten hat.

Die Stunden vergehen wie im Fluge, ehe man sichs versieht ist die Geisterstunde durch, langsam aber sicher löst sich die Festgesellschaft auf.

Von Weiberhelden und Hausaufgaben

Die Verabschiedung am folgenden Tag ist ebenso herzlich wie wehmütig, immerhin liegen einige hundert Kilometer zwischen den einzelnen Familienmitgliedern.

Wir werden zum Bahnhof gefahren, wo noch immer das blaue Haus zwischen den Bäumen leuchtet, und verabschieden uns glücklich und dankbar. Wir versprechen uns gegenseitig, dass wir uns benachrichtigen, sobald wir zu Hause angekommen sind, dann fährt der Zug los.

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Auf der siebenstündigen Heimreise hätte ich genügend Zeit an meiner Reportage zu arbeiten. Stattdessen denke ich lange über den «wilden Markgrafen» Carl Wilhelm Friedrich nach, der in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts fürstlichen Glanz nach Gunzenhausen brachte. Es soll die Falkenjagd gewesen sein, die ihn anfänglich an den Fluss Altmühl und in die Stadt führte, doch schon bald hatte er einen anderen Grund, herzukommen: Seine Geliebte Elisabeth Wünsch. Der wilde und vor allem bereits verheiratete Markgraf heiratete seine Elisabeth als Unteroffizier getarnt, dass niemand von der Ehe Wind bekäme. Für seine «Ehefrau zur linken Hand» und die gemeinsamen Kinder richtete er Schlösser in der Gegend ein. Darunter auch das Schloss Wald, in dem einige hundert Jahre zuvor Ritter Eppelein gehaust hatte. ‹Das alles ist ein ganz wunderbarer Stoff für eine Geschichte›, überlege ich mir und nehme mir vor, einen kleineren oder grösseren Reisebericht zu schreiben.

Opa fährt derweil übrigens in einem anderen Auto nach Hause. Die Bude wird nämlich vom TÜV nach Hause gebracht – sie hatte sich partout nicht mehr rühren wollen.

J. im Juli 2014

Schreibjournal #Folge 7

Das in lockerer Folge präsentierte Schreibjournal – pardon! Schreibportfolio: «L wie Layout sowie M wie Manifest der Schreiberlinge»

***Weitere Folgen***

#Folge 8: «N wie Notizbuch und dessen Nutzen sowie O wie Online»
#Folge 9: «P wie Probleme und ihre Lehren sowie Q wie Qualität»
#Folge 10: «R wie Reflexion sowie S wie Satz, erster»
#Folge 11: «T wie Touchscreen sowie U wie Ubiquität»
#Folge 12: «V wie Versionenanalyse sowie W wie Weisheiten, gesammelt»
#Folge 13: «X wie Xenoglossie sowie Y wie Yrgendwas»
#Folge 14: «Z wie Zeichenzahl und die Credits in Form eines Impressums»


Layout & Design: Freundin I.
Text & Regie: J.

Hit me baby one more time

Wenn Studierende der Z. die Lücke in der lokalen Medienberichterstattung (La Stampa!) schliessen sollen, reisen sie immer wieder donnerstags mit dem Zug über Chiasso nach Milano Centrale und weiter nach Venezia Santa Lucia, wo das Arsenale mit der Klimaanlage lockt. Und das ist gut so, immerhin sitzt der Panamahut made in China beim dritten Mal wie ein alter Fiat Panda, also zerbeult, auf dem Haupte und Friday lässt sich logischerweise auch erst am Freitag blicken.

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Störenfried Telefon

8:10 Uhr morgens und das Festnetz (sic!) klingelt wie blöde

Ich so: «Jo?»
Frau [mit indischem Akzent]: «Miss Meyer?»
Ich so: «Jo?!»
Frau [mit indischem Akzent]: «Miss Meyer?»
Ich so: «Jo, sägi doch! Werschn do?»
Frau [mit indischem Akzent]: «I’m calling you from the technical departement. Are you the owner of the computer?»
Ich so: «[WTF?!] Vo wo lüütet sie a?»
Frau [mit indischem Akzent]: «Miss Meyer? Are you the owner of the computer? I believe you are the owner of the computer.»
Ich so: «From what departement are you calling? What computer?»
Frau [mit indischem Akzent]: «I’m calling from the departement in Geneva. You are the owner of the Windows Computer. I believe you are.»
Ich so: «No, I’m not.»
Frau [mit indischem Akzent]: «You are the owner of an Apple computer?»
Ich so: «Again: No I’m not.»
Frau [mit indischem Akzent]: «Miss Meyer?»
Ich so: «No I’m not.»
Frau [mit indischem Akzent]: «Oh.» Und hängt auf. Ohne ein Wort der Verabschiedung geschweige denn der Entschuldigung.

An sich wär das ja jetzt nicht ganz so problematisch gewesen, wäre man nicht erst gestern Nacht aus der Lagune zurückgekehrt, in deren Gluthitze man gearbeitet und nicht geschlafen hatte. Und wäre die vergangene Nacht nicht davon gezeichnet gewesen, dass man vor lauter Erschöpfung ohnehin nicht wirklich hatte schlafen können und aus den seltsamen Erlebnissen des Tages mit Friday einen nicht minder seltsamen Traum geträumt und sich ob all der verstörenden Fragmente tatsächlich ein klitzeklein wenig geängstigt hatte. Letzteres übrigens weniger vor dem Traum als vor dem eigenen Gehirn, das bisweilen eine unvorhersehbare, unheimliche Dynamik entwickelt, die man besser nicht zu oft hinterfragt. Immerhin weiss mein Gehirn, was ich denke. Meist.

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