Wo 9 | Kunstkritik

Wenn die Unken rufen, ist es an der Zeit das Heft selbst in die Hand zu nehmen und die mediale Aufmerksamkeit zu fördern. Das ist schwierig, vor allem, wenn denn wahr ist, was Akno vermutet: «Mir kommt es so vor, als würden jene 2% der Kunst, die am Markt gehandelt werden, etwa 98% der medialen Aufmerksamkeit erhalten. Das würde dann aber bedeuten, dass die 98% der Kunst, die ganz woanders stattfindet als am Markt, sich die verbleibenden 2% Medienaufmerksamkeit teilen müssten.» Und das wäre tatsächlich prekär.

Die Frage nach dem Ende der Kunstkritik bleibt offen, die Frage, warum über Projekte wie den Worringer Platz in Düsseldorf kaum berichtet wird damit auch.

Wo 7 | Stilübungen

Aufgabe: Den Text von Queneau zum Dialektstück machen

«Im Autobus der Linie S, zur Hauptverkehrszeit. Ein Kerl von etwa sechsundzwanzig Jahren, weicher Hut mit Kordel anstelle des Bandes, zu langer Hals, als hätte man daran gezogen. Der in Frage stehende Kerl ist über seinen Nachbarn erbost. Er wirft ihm vor, ihn jedesmal, wenn jemand vorbeikommt, anzurempeln. Weinerlicher Ton, der bösartig klingen soll. Als er einen leeren Platz sieht, stürzt er sich darauf.

Zwei Stunden später sehe ich ihn an der Cour de Rome, vor der Gare Saint-Lazare, wieder. Er ist mit einem Kameraden zusammen, der zu ihm sagt: „Du solltest dir noch einen Knopf an deinen Überzieher nähen lassen.“ Er zeigt ihm wo (am Ausschnitt) und warum.»

(aus: Raymond Queneau: Stilübungen. Frankfurt / M. Suhrkamp, 1991)

Dialektstück:

I de Stosszyt ime Bus vo de Linie S: En Typ, öppe 26 mit eme viel zlange Hals, wie wenn näber dra zoge het. De Typ het uf all Fäll en lampige Huet mit enere Kordel aa und regt sich grausam (gruusig) über de uf, wo neb em stoht. Er hät nämli s’Gfühl, de ander rempled en jedes Mol a, wenn näber neus iistiigt und vorbii lauft. Er täubeled (södderet), wett härt töne, schaffts aber nöd. Woner denn endli en leere Sitzplatz gseht, hockter gad sofort druf.

Zwo Stond spöter gsehen/gsehni de Typ a de Cour de Rome nomel, gad vorem Bahnhof Saint-Lazare. Er isch mit eme Kolleg zäme, wo zuenem seit: „Söttsch der doch no en Chnopf a dis Öbergwändli neie loh.“ Denn zeigt er em wo, nämli am Usschnitt, und werum(, as er da söll mache).

Wo 7 | Linksammlung

In einer Zeit digitalen Datenstaus, saharastaubiger Sonne und pragmatisch-programmatischen Listicals präsentiert sich auch die AkadeManie mit würziger Kürze. Gemeinsam mit Frau Prokrastination hat sie Links zusammengestellt, die es anzuklicken lohnt. Beim einen oder anderen empfiehlt sich gar eine Vertiefung:

Bier und andere Kulturbotschaften

Bierglaslyrik: Wo die Sprache spricht.

GastroJournal: Die Landkarte, die zeigt, wo das richtige Bier der Schweiz herkommt.

St. Galler Tagblatt: So also schmeckt richtiges Bier! (kostenpflichtiger Artikel, aber wer hinter die Paywall guckt, wird belohnt ;-))

Welt.de: Schon, weil der Lead schön ist: «Kurfürst August der Starke trug seinen Beinamen zu Recht. Die von ihm mit bloßen Händen zerbrochenen Hufeisen sind ebenso sorgfältig dokumentiert […] Auch im Bett soll der Monarch ein Kraftprotz gewesen sein.»

Journal 21: Weil die Farbfotografie im Zarenreich wahrhaft bunt war. Und ich mindestens eine der Fotografien haben will!

Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht – Analysen frei Haus!

Wearables: Ganz im Sinne Donna Haraways: «We are them!»

Marktlogiken

Schnabelweid: Wenn Schwiizerdüütsch auf Sächsisch trifft… Entstehen ausnahmsweise tolle Sendungen des SRF.

Journal 21: «Ist es zynisch, religiöse Institutionen bis hin zu kleinen und kleinsten Gruppen als Marktteilnehmer zu betrachten, die jeweils ganz bestimmte Strategien verfolgen?»

Nieman Reports: Journalisten als Geschichtenerzähler – Was in Deutsch nach Märchenstunde klingt, ist auf Englisch eine ernst zu nehmende Geschichte. Eine Geschichte übrigens, die ausnahmsweise ernsthaft aus den USA importiert werden dürfte!

Heise.de: Über die Aufmerksamkeitsökonomie im Netz.

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Dramatische Szenen frühmorgens auf dem Weg an die Z. Ein wunderliches Regal ausgesetzt, direkt neben der Fachstelle für Suchtprävention. Gratis und franko abzugeben, trotz seines hohen Wertes. Aufnehmen und Unterschlupf gewähren oder doch besser Augen niederschlagen und so tun, als wäre das Prekariat ein Hirngespinnst aus dem Elfenbeinturm?

Woche 6 | Gesprächsführung

Aus der Theorie und Praxis professioneller Gesprächsführung

Systemische Sicht

In der systemischen Gesprächsführung geht es im Wesentlichen darum, zu akzeptieren, dass Systeme (hier: Menschen) unterschiedlich funktionieren, also unterschiedlich reden, handeln und denken. Dies sowie die Annahme, dass Systeme vernetzt sind, gilt es zu beachten. Das Dazwischen und das jeweilige soziale Umfeld spielen dabei eine grosse Rolle. Ein Individuum agiert also nicht isoliert von anderen Personen, sondern eben permanent im sozialen Umfeld. Von Ptr. illustriert sieht das wie folgt aus:

image

image

Lösungsorientierte Sicht

«Der Name ist Programm», sagt Ptr. und illustriert den Ansatz wie folgt:image

Man denkt weg vom Problem und versucht, das ständige Grübeln hinter sich zu lassen. Entscheidend ist also die positive und nach vorn gerichtete Sicht auf eine Problemstellung. «Gegrübelt» wird nur, um das Problemfeld abzustecken, im Vordergrund steht die Suche nach funktionalen Aspekten zum Umgang mit der Thematik.

Fehlen didaktische Winkelzüge, fehlt die erleuchtende Sonne. Aber das Gehirn funktioniert bei kühleren Temperaturen ohnehin besser, behauptet wenigstens Terry Pratchett in «men at arms». Ach ja, Frau Prokrastination feiert mit Mister Winter und Frau Holle ne wilde Party.


Ein didaktischer Winkelzug – und die Erleuchtung kommt von der Sonne.

Ein didaktischer Winkelzug – und die Erleuchtung kommt von der Sonne.

Als Freie entgehen auch angehende Kulturjournalisten dem Prekariat. Und über die «Reinigungsmasse» Cyber Clean zu berichten lohnt sich allemal. Zumal das Ding Schweizer Qualitätsarbeit ist, das widerliche Spielzeug aus den 1990ern übrigens auch.

Textsorte: Erlebnisbericht

Lehrstücke | Woche 5 | HS 13

Martin Parr: Mehr Sammler als Jäger

Man nennt ihn Allroundenthusiast und Alltagschronist, man schimpft ihn zynisch und attestiert ihm dennoch einen bügelfaltenscharfen Blick und bissigen Humor: Gestatten, Martin Parr, Universitätsprofessor, Magnum-Fotograf und aufmerksam-kritischer Sammler.

Martin Parr sammelt. Er sammelt Klischees und «Schatten menschlicher Eigenarten». Schatten menschlicher Eigenarten, das sind bizarre Objekte, etwa Streichholzbriefe mit dem Foto gesuchter Terroristen, auf denen in grossen Lettern in Englisch und Arabisch geschrieben steht: «Du lieferst – Wir zahlen». Schatten sind aber auch Wecker, Aschenbecher, Zielscheiben, Skateboards und Toilettenpapier mit dem Gesicht von Margaret Thatcher, Usama Ibn Ladin oder Saddam Hussein.

Parrs Sammlung umfasst aber nicht nur Bizarres, Skurriles und manchmal Furchteinflössendes, sondern auch Liebenswürdiges, Fröhliches und Alltägliches, Teekannen oder Fingerhüte zum Beispiel. Er sammelt aber auch Eindrücke und lässt sie in grossformatigen Fotografien und bunten Ausstellungen zu Ausdrücken werden. Seine farbenprächtigen Aufnahmen sind Momentaufnahmen des Alltäglichen und zeigen, wie ungewöhnlich und einzigartig dieser Alltag sein kann.

Stehenbleiben, wo andere weitergehen

Manchmal kitschig, manchmal witzig: Die Ausstellung «Martin Parr – Souvenir» im Zürcher Museum für Gestaltung zeigt ein buntes Spektrum seines Schaffens, vom Erstlings-Farbwerk «Last Resort» aus den 1980er Jahren bis hin zu seiner neusten Serie «Think of Switzerland». Parr bereist die Welt und bleibt stehen, wo andere weiter gehen. Vor grellen Heiligenfiguren etwa in «Mexico» oder vor einem Schwimmbecken im schottischen Gourock, im Hintergrund bleischwer die See, die nicht nur das Becken sondern auch den Betrachter zu verschlingen versucht.

Auch an der Akropolis bleibt der Fotograf stehen, beobachtet in «Small World» aber nicht die alten Gemäuer, sondern das Phänomen Massentourismus. Martin Parr hält uns immer wieder Spiegel vor und zeigt, dass wir nicht perfekt sind. Ganz egal, wo wir uns bewegen. So nimmt er uns in «Luxury» mit auf die Reise durch die glitzernde Welt der Schönen und Reichen, wo wir schnell erkennen, dass auch sie nicht ohne Fehl ist. Tatsächlich lassen sich auch hier ganz gewöhnliche Fliegen auf noblen Hutkrempen nieder und sonnen sich ungeniert im Blitzlichtgewitter.

Zwischen Wahrheit, Klischee und Persiflage

Mit «Common Sense» persifliert er Kapitalismus und Konsum, reiht schrumpelige Hotdogwürstchen an eine tätowierte Männerbrust, an zarte Teetassen, an Spielkonsolen und konfrontiert uns mit uns selbst. «Think of Switzerland» schliesslich ist ein humorvolles Portrait der Schweiz, der Schweiz von Martin Parr allerdings. Und so finden wir hier eine Sammlung charmant aneinander gereihter Klischees, Vorurteile und Geschichten über die und aus der Schweiz, die so treffend und so überzeugend inszeniert sind, dass wir nicht mehr sicher sein können, was denn nun Wahrheit ist.

Martin Parr beweist mit «Souvenir» einen scharfen Blick auf die Welt, ganz besonders durch den Sucher seiner Kamera. Er ist ein aufmerksamer Beobachter, kritischer Zeitzeuge und prägt mit seinem bissigen Humor nicht nur sein Werk, sondern auch die Interpretation der Welt.

Die Ausstellung «Martin Parr – Souvenir» ist bis zum 5. Januar 2014 im Museum für Gestaltung, Zürich, zu sehen.

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Richtmedium: NZZ am Sonntag

Rahmen: Semesterkurs an der Z.: «TA / TP»

Mentor: M.P.

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Kritische Beurteilung*

  • «Ausstellung kommt zu spät»: Das ist zwar nicht schulmeisterlich, funktioniert aber in diesem Fall, weil der Leser mit konkreten Beispielen und passenden Wort(schöpfung)en an Parr herangeführt wird.
  • «Ausstellung als Ausstellung sowie die Kuratorin werden nicht thematisiert»: Das ist richtig; gerade für ein Medium wie die NZZ am Sonntag hätten einige Zeilen auf die Ausstellung verwendet werden dürfen. Etwa die Reihenfolge der einzelnen Themen oder auch die Wandgestaltung etc. Ebenso wären einige Worte zu der Kuratorin interessant gewesen.
  • «Biografische Daten zu Martin Parr fehlen»: Auch das ist richtig, allerdings reicht ein Abschnitt im Sinne eines «about» für diese Rezension nicht aus. Der Fluss und die Tonalität würden gebrochen, was wiederum den Lesefluss erschwert. Wenn, dann müssten die biografischen Daten Parrs also mit den einzelnen Textstellen verwoben werden, etwa mit den Stationen seines Lebens und jenen, die in der Ausstellung gezeigt werden.
  • «Parataktisches Schreiben»: Eher ungewöhnlich für diese Textform, hier aber passend. Nicht zuletzt weil Parr selbst in Abschnitten und Takten dokumentiert.
  • «Sprachbilder»: Sprachbilder sind passend eingesetzt.
  • «Titel»: Ganz passabel, feuilletonistisch, könnte funktionieren. Allerdings ist es immer schwierig, Titel zu platzieren.

*Anmerkungen aus dem Unterricht und auch ein bisschen Selbstreflexion

Wenn Storytelling zwar den Nikolaus um Monate verpasst, dafür aber auf den Niklas trifft…