Stimmengewirr im Toni [vor verschlossenen Türen] | Woche 4

«Es gibt nichts so komplexes wie den Alltag.»

«Als Ethnograph und Reporter störe ich das Feld zumindest.»

«Ideal wären 1500 Ethnographien, aber dafür reicht ein Leben nicht.»

«Die journalistische Aussensicht ist immer falsch.»

«Normen kommen in der wirklichen Welt nicht von oben, sondern von unten – oder entstehen in einem Wechselspiel von oben und unten.»

«Das Problem ist nicht, dass es zu wenig Daten gibt. Das Problem ist, dass die Lebenszeit der Forscher zu klein ist. Daten gibt es in Hülle und Fülle.»

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Stimmengewirr im Toni | Woche 3

«Diskurs bedeutet herumrennen.»

«Positivismus und Gesellschaftskritik als Kontrastfolie zum Pragmatismus.»

«Wenn das praktische Problem gelöst ist, hat die Theorie ihren Dienst getan.»

«Wie willst du überprüfen, ob dein Denken klar ist, wenn du nie mit jemandem darüber gesprochen hast?»

«Wie umgeht man das Problem der Induktionsverfälschung?»

«Wir reden über genau jene intellektuell erogene Zone, wo Theorie und Praxis zusammenkommen.»

«Ich brauche noch lange kein Kreidewissenschaftler zu werden!»

«Nur wenn ich das Problem klein mache, werde ich nicht depressiv.»

«Irgendein Problem, das auch noch nett ist, kann als Problem bestehen bleiben.»

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Stimmengewirr im Toni | Woche 2

Man ist also zurück…

«Wenn wir Forschung betreiben, müssen wir eine Vermutung haben in welche Richtung es gehen könnte… Sonst ertrinken wir in einem Meer von Bibliotheken.»

«Es geht darum, dass du ein paar dieser allgemeinen Fragen tötest, indem du sie auf der ersten Ebene präzise beantwortest.»

«Fast hättest du mich dazu verführt, dir weiter zuzuhören.»

«Fehlt etwas?» «Nein… Also… Natürlich, wenn ich mir etwas dazu denke, dann fehlt das danach.»

«Das ist wie wenn in einem Bauhausprojekt plötzlich eine mit Rosen umrankte Säule steht, dann ist das ein ironisches Zitat. Wenn es kein ironisches Zitat ist, dann ist es stilistisch falsch.»

«Scare quotes: Gänsehautfüsschen.»

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Alles halb so wild!

Sage es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde es vielleicht behalten. Lass es mich tun, und ich werde es können.
- Konfuzius -

Zeigen, Tatschen und Schmieren, das können schon ganz kleine Kinder. Das können sie sogar schon bevor sie sich verbal so artikulieren können, dass sie auch von Erwachsenen verstanden werden, die nicht zufällig ihre Eltern sind. Warum, zum Admin, will mir das nicht gelingen? Jedenfalls nicht so richtig, nicht auf dem Touchscreen? Meine ersten Schreibversuche auf meinem noch ziemlich neuen Fairphone, einem Smartphone aus einigermassen fairer Produktion, sind bestenfalls amüsant. Von «verständlich» oder gar «gut» sind sie noch eine ganze Menge Anschläge entfernt.

wie und ob neue te hllnologien “unser” Leben verßndern, qill ich an dirser Stelle nicht beantworten, fas kann ivj auchbgat nicht das muss dich nämlich erst zeigen. Eas ich aber kann ist einerseits davob erzählen, wie jeue Technologien, namentluch ein Smartphone mit Touchscreen, “mein” Leben verändern und ich will zwei thesen aufstellen: Man erkennt sofort, was sich vrrändett, die Savhe mit der Orthographie nämlich. Was mich übrigens zu een Thesen bringt: 1. “Durch die regelmässige Nutzung wird die Handhabung einfacher, flüsdiger” 2. “Gegen Ende dieses Textes werden meine Fehler weniger, das Schreiben geht flüssiger” Zweites sich sich beteits zu bestätigen – oder auch nicht -.- Eigentlich wolltevich ja auch erzählen, was besagtws teuflisches Duo mit mir macht(e).

Und nun sitze ich also hier und bemerke, dass der berühmt-berüchtigte Medienwandel auch mich zum Schlingern bringt. Zum Schlingern zum ersten, weil ich fast nicht umhin komme, Medien und Gadgets wie eben ein Smartphone zu nutzen; zum Schlingern zum zweiten, weil ich auch gar nicht umhin kommen will. Schliesslich vertrete ich die Meinung: Stillstand ist Rückschritt!

Also gilt es, sich mit der Gegenwart auseinander zu setzen und sich auch mit ihr anzufreunden, sonst kann man das mit der Zukunft auch gleich vergessen. Und zum Auseinandersetzen und Anfreunden gehören nun mal meist auch die Mühen der Umgewöhnung. Die Handschrift, also das Schreiben von Hand mit Pelikan-Schulfüller und den Umgang der damit verbundenen düsteren Erinnerungen an die herausgerissenen Seiten eines Schönschreibheftchens, habe ich irgendwann gelernt. Das ist einige Jahre her, aber die Kulturtechnik hat sich in mein Gehirn eingefräst. Die festgeschriebenen Wege muss ich erst einmal verlassen können.

Bildgebende Verfahren – also jene diagnostischen Verfahren, bei denen den Probanden ein Kontrastmittel injiziert wird, um mittels Scanner oder Ähnlichem Vorgänge sichtbar zu machen, die sich innerhalb des Körpers, etwa im Hirn, abspielen – bestätigen heute, was schon lange Zeit vermutet wurde: Die Handschrift schreibt sich ins Gehirn ein, sie hinterlässt Spuren, sie verändert unser Gehirn und unser Denken. Gilt das auch für das Schreiben auf einem Touchscreen, das ja irgendwie auch ein Schreiben von Hand ist? Droht tatsächlich die «digitale Demenz» wie uns so mancher Chronist glauben machen will? Oder sind die Bewegungen so intuitiv, so natürlich, dass sie eine ohnehin natürliche Veränderung hervorrufen? Ist vielleicht alles halb so wild?

Ich wage einen Blick in die Kristallkugel, und zwar die magische Kristallkugel-App von Peter Weiss1. Sie fordert mich auf: «Stell mir eine Ja- / Nein-Frage und tippe mich an». Ich konzentriere mich also und frage: «Werden die neuen Technologien einen merklichen Einfluss auf unser Denken und Verhalten haben?» Die Antwort ist so geistreich wie einfach: «Das steht in den Sternen.» Ich verlasse mich wohl doch besser auf die Expertise von Leuten, die sich mit dem Gehirn und den neuen Technologien auskennen.

Es gibt Untersuchungen und Studien, die darauf hindeuten, dass die Lese- und Schreibkompetenz bei Kindern beeinträchtigt würde, übten sie den Umgang mit neuen Technologien zu früh und zu oft. Es gibt aber auch Untersuchungen und Studien, die das Gegenteil behaupten. Noch weiss die Hirnforschung nicht mit Sicherheit, was die neuen Technologien und die damit höchstwahrscheinlich verbundene Veränderung der Bewegungsabläufe mit unseren Gehirnen anstellen, irgendetwas werden sie unzweifelhaft anstellen.

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Was man mit Sicherheit weiss ist, dass Gehirnareale, die nicht benutzt werden, abgebaut werden; man weiss aber auch, dass neue Gehirnareale hinzukommen können. Unser Gehirn verändert sich, auch ohne das Zutun neuer Geräte und Technologien. Wäre das nicht so, würden wir vermutlich heute noch in finsteren, kalten Höhlen leben, weil noch niemand auf die Idee gekommen ist, den Göttern das Feuer zu stehlen.

«Die Feder ist mächtiger als die Tastatur2», titelte Psychological Science Journal im Frühjahr 2014 und publizierte die Ergebnisse einer Studie der Princeton University. Forscher haben festgestellt, dass Studierende, die ihre Notizen digital erfasst haben, im Gegensatz zu jenen, die ihre Notizen von Hand verfasst haben, zwar mehr notiert, aber weniger von den eigentlichen Zusammenhängen verstanden hatten. Einige Tage später waren die Handschreiber zudem deutlich besser in der Lage, den Inhalt der Vorlesungen wiederzugeben als ihre digital arbeitenden Kommilitonen. Das bedeutet nun aber nicht, dass mit der Nutzung moderner Geräte per se der Untergang der Handschrift – oder gar der Intelligenz – droht. Vielmehr können neue Technologien eine Ergänzung oder gar eine Chance sein.

Das dachten sich zum Beispiel die beiden Familienväter und Gründer der VibeWrite GmbH, Falk Wolsky und Daniel Kaesmacher – und machten aus Kulturpessimismus eine Tugend. Mit dem «VibeWrite» haben sie einen Lernstift entwickelt, der wahlweise als Kugelschreiber oder Füllfederhalter erhältlich ist, und der bei Rechtschreibfehlern vibriert. An den Stift angeschlossen sind eine Batterie sowie ein Bewegungssensor. Zum Erkennen von Buchstaben oder Symbolen braucht er keine Unterlage, man kann ihn aber eben auch wie einen ganz gewöhnlichen Schreibstift benutzen. Der Stift (er-)kennt rund 5’000 Wörter und vibriert bei Rechtschreibfehlern.

Neben diesem Stift gibt es eine Vielzahl weiterer Anwendungen, etwa die «Wearables3», sozusagen telekommunikative Kleidung und Accessoires, oder die Software «Quill4», die aus Logarithmen News macht. Spannender als die eigentlichen Produkte ist aber das, was dahinter steckt, nämlich die Tatsache, dass Innovation und Ideenreichtum durch den Einsatz von neuen Medien bzw. durch deren Vorhandensein überhaupt erst möglich werden.

An dieser Stelle mag man mir die Alltagsweise «es ist gut wie es ist, weil es immer schon so war» verzeihen, selten schien sie mir passender. Immerhin haben die Menschen immer schon alte Wege verlassen, neue Pfade betreten und frische Spuren hinterlassen – eben auch im Gehirn. Zu fürchten brauchen wir diese Entwicklung nicht, aufmerksam beobachten und nach Möglichkeit steuern sollten wir sie aber. Denn, nur wenn wir so sorgfältig sind, wie unsere Vorfahren im Erschliessen neuer Jagdgründe, können wir von den Verheissungen der Technik auch wirklich profitieren. Sind wir hingegen unachtsam und unaufmerksam, werden wir von der digitalen Demenz eingeholt wie unsere Urahnen vom Säbelzahntiger.

1 App «Die magische Kristallkugel» von Peter Weiss; verfügbar im Google Play Store 11.5.14

malautomat:

" LESEFREIE ZONE "

Wie einst schon erwähnt: Schon der Gedanke an ein Buch wirkt beruhigend

malautomat:

" LESEFREIE ZONE "

Wie einst schon erwähnt: Schon der Gedanke an ein Buch wirkt beruhigend
(Von stadtspaziergang gerebloggt)

Für alle, die schon immer wissen wollten, wie der Pragmatismus illustriert werden könnte.

So sieht ein English Breakfast at 5 am aus.

Oder:

Es gibt neuerdings ein Fünfuhr morgens?!

Vom Menschenkind, das nicht wollte, dass es morgen wird

Es war einmal ein Menschenkind, das beschloss, nie mehr schlafen zu gehen. Nicht, weil es nicht gerne schlief, nein, das Menschenkind dachte einfach viel zu viel nach. So überlegte es sich etwa eines Abends, dass das Morgen nicht beginnen würde, wenn das Heute nicht endete. Wenn es nicht schlafen ging, so folgerte es, würde es also auch nicht morgen werden. Seine Eltern weihte es nicht in seinen Plan ein. Trotz seiner jungen Jahre hatte das Menschenkind schon erkannt, dass seine Ideen bei den Erwachsenen auf wenig Gegenliebe stiessen. Es tat also das, was es vor dem Zubettgehen immer tat: Es putzte sich die Zähne, kämmte sich die Haare, wusch sich das Gesicht und achtete sorgsam darauf, das übliche Quengeln nicht zu vergessen. Schliesslich streifte es seinen Pyjama über und wünschte seinen Eltern eine gute Nacht. Als es wenig später hörte, wie die Eltern ihre Schlafzimmertür schlossen, trat das Menschenkind leise aus seinem Zimmer, schlich sich ins Badezimmer und streifte sich den Bademantel der Mutter über. Leise öffnete es die Haustüre, griff im Vorbeigehen nach der rotgrün karierten Pudelmütze des Vaters und verliess mit angehaltenem Atem das Haus.

Noch nie war es mitten in der Nacht draussen gewesen und so wunderte es sich sehr über die atemberaubende Stille, die über der Stadt lag. Als es die ersten Schritte im bleichen Mondlicht tat, fühlte sich unser Menschenkind wunderbar leicht und beschwingt und fragte sich, warum es nicht schon früher auf die Idee gekommen war, auf den Schlaf zu verzichten. So wanderte es eine ganze Weile vorbei an Häusern und Orten, die es noch nie zuvor gesehen hatte. Als es plötzlich vor einer finsteren Unterführung stand, zögerte es, sah sich um, reckte dann aber entschlossen sein Kinn in Höhe und trat aus dem schummrigen Dunstkreis der Strassenlaternen in die Finsternis. Vorsichtig tastete sich unser Menschenkind der Wand entlang, blieb manchmal abrupt stehen, hielt den Atem an und lauschte angestrengt. Als es aber nie etwas Verdächtiges hörte, tastete es sich weiter vor. Es hatte seinen Blick auf das fahle Licht am Ende der Unterführung gerichtet, achtete sich also nicht auf seine Füsse und wäre deshalb beinahe über ein grosses Bündel gestolpert, das am Boden lag.

Wer wagt es?! donnerte es. Unser Menschenkind erschrak und erstarrte mitten in der Bewegung. Das Bündel richtete sich auf und unser Menschenkind erkannte darin einen Hünen, dessen Oberkörper nur aus Haaren zu bestehen schien. Selbst, als er ein Streichholz anzündete und das Menschenkind interessiert von oben bis unten betrachtete, konnte es nicht viel mehr erkennen, als ein paar wache Augen und eine dicke, runde Nase, die unter einer struppigen Mähne hervor lugten.

«Na, na, na… Was haben wir denn da?» brummte der Hüne, zündete nochmal ein Streichholz an und musterte das Menschenkind ganz genau. Dann ging ein Ruck durch seinen mächtigen Körper und er streckte unserem Menschenkind eine Hand entgegen.
«Gestatten, Knacks mein Name!»
«Haben dir deine Eltern diesen Namen gegeben?» fragte das Menschenkind erstaunt, als es nach seiner grossen Hand griff. Die Frage schien Knacks zu überraschen, jedenfalls musste er nachdenken, bevor er eine wegwerfende Handbewegung machte und antwortete: «Nein, ich habe überhaupt keine Eltern.»
«Das geht doch gar nicht!» protestierte da unser Menschenkind, wurde von Knacks aber unterbrochen, bevor es weiterfahren konnte: «Bei Knacks geht das. Bei Knacks geht alles.»
Als wollte er seine Worte bestätigen, holte er mit einem Griff zwischen den Decken auf dem Boden einen kleinen Hocker hervor und bedeutete dem Menschenkind sich zu setzen. Danach baute Knacks flink einen Kocher auf und bereitete einen Tee zu, der schon bald verführerisch duftete. Als beide eine Tasse in der Hand hielten, aus der es munter dampfte, liess sich Knacks auf seinen Decken nieder und fragte unser Menschenkind, warum es von Zuhause Reissaus genommen habe. Es erklärte freimütig, wie es über das Gestern, das Heute und das Morgen nachgedacht hatte – und wie es beschlossen hatte, dass es nicht mehr morgen werden sollte.

Schliesslich fragte Knacks: «Weisst du, was mit dir geschieht, wenn du nicht mehr schläfst? Am ersten Tag fühlst du dich wunderbar. Du glaubst, dass dir nichts und niemand etwas anhaben kann. Du streifst durch die Stadt, du fühlst dich gross und stark. Irgendwann aber ist der Tag vorbei, die Strassen werden leer und kalt und du weisst, es ist an der Zeit für etwas, das dich wach hält. In der Resilienz, deiner Stammkneipe, hat man dich schon vermisst.
Als du erzählst, dass du auf das Schlafen verzichtest, weil es doch nur Zeitverschwendung ist, belächelt man dich und stellt dir hämisch grinsend die schwarze Brühe hin, die du bestellt hast. Das Schnapsfläschchen, das dir der Bekannte am Tresen spendiert, steckst du dankend in die Jackentasche.Nach dem ersten Kaffee weisst du, du wirst noch einen trinken. Ausnahmsweise wirst du sogar eine Zigarette rauchen. Das Mädchen, das dir die Zigarette angeboten hat, wird dafür sorgen, dass du diese Nacht nicht einschläfst. Nach dem dritten Kaffee folgst du ihr in ihre Wohnung, in ihr Schlafzimmer. Um dreiuhrsiebenunddreissig verrät dir ihr regelmässiger Atem, dass sie tief und fest schläft. Du schleichst dich aus ihrem Bett, aus ihrer Wohnung, nimmst dabei noch eine Wasserflasche mit, denn du bist unsäglich durstig. Es ist dreiuhrvierundfünfzig, das Gehen fühlt sich an, als würdest du durch knietiefen Schnee waten. Du denkst an den Hafen und an seine kühle Brise.Es ist fünfuhrzwei als du den Frühen Fisch erreichst, die Hafenkneipe, die extra für die Fischer geöffnet hat, die von der harten Nacht auf See zurück kommen. Hier wirst du ein Heringsbrötchen mit ganz viel sauren Gurken und Zwiebeln essen, und wieder Kaffee trinken. Wenn du um sechsuhrsiebenundzwanzig aus dem Frühen Fisch in die Morgensonne trittst, denkst du noch immer über die Fischer nach. Darüber, warum sie immer nur über die Mühsal der Fischerei und den fehlenden Schlaf sprechen. Wenn sie wüssten welch Geschenk es ist, nächtelang wach zu bleiben und das Leben nicht mit Schlafen zu verbringen! Erst, als dich ein altes Ehepaar misstrauisch beobachtet, bemerkst du, dass du laut geschimpft hast. Schnell senkst du deinen Blick und eilst an den beiden vorbei.
Je schneller du dich bewegst, desto freier fühlst du dich; bald läufst du so schnell du kannst. Schon längst hast du die Stadt hinter dir gelassen, hast du beschlossen, der Landstrasse zu folgen und in die nächste Stadt zu laufen. Deine Augen brennen und du weisst: Sie sind rot wie die Feuerschiffe im Hafen. Aber das kümmert dich nicht, du läufst. Irgendwann setzt die Dämmerung ein, deine Füsse tragen dich trotzdem immer weiter. Du beginnst dich mit ihnen zu unterhalten. Sie erzählen dir von ihrem Leben, einem Leben, das du nicht kanntest, obwohl es zu deinem gehört. Bald schon beginnst du mit jedem deiner Zehen ein intensives Einzelgespräch: du gibst ihnen Namen, taufst sie in einer heiligen Zeremonie am Strassenrand mit dem kleinen Fläschchen Schnaps, das du in der Resilienz eingesteckt hast.
Deine neuen alten Gefährten tragen dich mit neuem Elan durch die klirrend kalten Morgenstunden in die nächste Stadt. Als du die grosse Marktstrasse betrittst, siehst du zwei Schornsteinfeger und wunderst dich, warum sie so zielstrebig auf dich zukommen. Erst als sie kaum mehr als eine Armlänge entfernt sind, erkennst du, was sie wirklich sind: Meuchelmörder. Und sie suchen dich! Ihre Uniformen täuschen dich nicht. Du richtest deinen Blick starr nach vorn, blinzelst nicht, gehst mit festem Schritt an ihnen vorbei und atmest erst auf, als du in eine Seitenstrasse getreten bist. Doch dann bemerkst du, dass sie dir folgen. Wieder beginnst du zu laufen, aber du merkst es schon: Deine Beine zittern, deine Knie sind weich und deine neuen alten Gefährten gefährlich müde geworden. Noch bevor du weisst, wie dir geschieht, haben dich die Schornsteinfeger eingeholt.
Zwei Tage später erwachst du in einem freundlichen Krankenzimmer mit freundlichen Pflegern und freundlichen Fesseln an Armen und Beinen. Man erklärt dir, dass du einen furchtbaren Anfall hattest und dich hier erholen wirst. Und eines Tages kommt dir alles wie ein böser Traum vor. Nur deine Augen, die werden so rot bleiben wie die Feuerschiffe im Hafen.»

Knacks schloss seine Erzählung und schwieg. Das Menschenkind betrachtete den Hünen, der seine Teetasse noch genau so hielt, wie er sie vor einer gefühlten Ewigkeit gehalten hatte, und dachte eine Weile über die Geschichte nach. Dann sprang es plötzlich vom Hocker, umarmte Knacks mit seinen kleinen Ärmchen und verliess ihn, ohne sich noch einmal umzudrehen. Als es der aufgehenden Sonne entgegenging, lächelte es glücklich und murmelte vergnügt: «Augen so rot wie die Feuerschiffe im Hafen…»

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Ein weiterer Versuch, die never ending story in einen Schlüsselroman zu verwandeln…

Schreibjournal #Folge 8

Das in lockerer Folge präsentierte Schreibjournal – pardon! Schreibportfolio: «N wie Notizbuch und dessen Nutzen sowie O wie Online»

***Weitere Folgen***

#Folge 9: «P wie Probleme und ihre Lehren sowie Q wie Qualität»
#Folge 10: «R wie Reflexion sowie S wie Satz, erster»
#Folge 11: «T wie Touchscreen sowie U wie Ubiquität»
#Folge 12: «V wie Versionenanalyse sowie W wie Weisheiten, gesammelt»
#Folge 13: «X wie Xenoglossie sowie Y wie Yrgendwas»
#Folge 14: «Z wie Zeichenzahl und die Credits in Form eines Impressums»


Layout & Design: Freundin I.
Text & Regie: J.

…weil «kulturelle Vielfalt» viel mehr als nur ein Slogan ist…